Dr. Thomas Bach - Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Rede anlässlich der Verleihung des DJK-Ethik-Preises des Sports am 29. Juni  2007 in Mainz

Im Namen des Deutschen Olympischen Sportbundes begrüße ich Sie sehr herzlich zur Verleihung des DJK-Ethik-Preises 2007.

Auch wenn dem in der Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, sind die konfessionellen Sportverbände ein zentraler, wichtiger und tragender Bestandteil unserer gemeinsamen Sportorganisation. Ihre Bedeutung ist sowohl in organisatorischer als auch sachlicher Hinsicht sogar gewachsen. In besonderem Maße widmen sie sich den Gemeinsamkeiten von Sport und Religion sowie ihren gemeinsamen ethischen Bezügen. In beiden Bereichen sollten wir uns durch die zahlreichen Verstöße den Blick auf die positiven Grundlagen und Werte nicht verstellen lassen.

Fairplay, Toleranz, Einhaltung von Regeln und Universalität sind nur einige davon. Sport und Religion verpflichten uns, diese Werte nicht preiszugeben.

Trotz gemeinsamer Werte und Herausforderungen ist der Sport jedoch keine Religion wie Pierre de Coubertin´s Aussage von der „religio athletae“ zuweilen interpretiert wird. Dem Sport fehlt es dazu schon an jeglichem transzendenten Bezug. Der Sport ist rein diesseitig.

Der Sportwissenschaftler Dietrich Kurz hat einmal formuliert: „Den Sinn des Lebens finden wir nicht allein im Sport. Wer es dennoch glaubt, wird in ihm letztlich Leere finden.“

Das heißt mit anderen Worten: Nur wenn dieses Leben einen Sinn hat, kann auch der Sport einen Sinn haben. Der Sinn des Lebens ist allem vorgängig. Der Sinn des Sports kann letztlich nicht im Sport selbst liegen, er muss im Leben gesucht werden.

Eine Rechtfertigung der Existenz des Menschen kann nur dann gelingen, wenn das Leben einen Sinn hat, wenn der Mensch den Menschen liebt, die Natur umsorgt und an Gott glaubt. Für viele, manche meinen für immer mehr Menschen, scheint der Sinn der Welt zu schwinden oder unerschließbar zu sein.

Erkennbar wird dies in den eben genannten Verhältnissen: Im Verhältnis des Menschen zum Menschen als Krise der Liebe zum Nächsten, zum Individuum wie zur Gattung, im Verhältnis des Menschen zur Natur und schließlich auch im Verhältnisses des Menschen zu Gott als Krise des Glaubens an Gott.

Wie können wir dem begegnen?

Der Mensch kann die genannten Relationen zu sich selbst, zur Natur und zu Gott konkret erfahren. In Abhängigkeit von seiner jeweiligen geschichtlichen, kulturellen, sozialen und religiösen sowie individuellen Situation kann er sie, z.B. durch Erziehung, auch gestalten.

Er ist also mit dem Vermögen ausgestattet, dem Leben Sinn zu geben und Verantwortung zu tragen, d.h. zu lieben, fürsorglich zur außer-menschlichen Natur zu sein und zu glauben.

Da wir das abstrakt können, sollten wir es uns trotz  aller unserer Unzulänglichkeiten konkret abverlangen.

Die Gestaltung der genannten Verhältnisse erfolgt unter einem ethisch-moralischen Regulativ durch Sinnentwurf und Sinnverwirklichung in bestimmten, sich ständig verändernden Lebenswelten, z.B. in der christlichen Gemeinde oder in der Welt der Wissenschaft. Nicht zuletzt sollte dies auch im Sport der Fall sein.

Das Verhältnis des Menschen zu sich, zur Natur und zu Gott kann und muss auch auf den Sport und auf seine Lebenswelt, zum Beispiel auf Training, Wettkampf, Betreuung, Organisation und Sportstätten, angewendet werden.

Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, was in diesen Bereichen Sinn stiften und was Verantwortung tragen heißen kann und es wäre im Anschluss daran zu klären, wie in ihnen die Liebe zum Menschen, die Fürsorge zur Natur und der Glaube an Gott praktisch werden können und sollen.

Im Bereich des Mensch-Mensch-Verhältnisses sind die Auswüchse von Kommerzialisierung und Konkurrenz zu problematisieren und es ist vermehrt die in der Olympischen Idee angelegte Frage des Friedens aufzugreifen, nicht nur im, sondern auch durch den Sport.

Pierre de Coubertin hat zu seiner Zeit erkannt, dass es mehr als naiv wäre, von den Völkern zu verlangen, sich gegenseitig zu lieben. Aber er wusste auch, dass gegenseitige Achtung keine Utopie ist und er erklärte das gegenseitige Kennenlernen zur Voraussetzung dafür.

Internationale Sportbeziehungen über geographische, ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg können deshalb auch als Modell des friedlichen Wettstreits interpretiert werden.

Sport ist Ausdruck menschlichen Lebens. Er braucht sinnvolle Regeln und Formen. Die Gestaltung des Wettbewerbs ermöglicht die Ent-faltung der Talente und die Achtung der Würde und Rechte aller Beteiligten. Zumindest formell ist der Sport in diesem Bereich vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen einen Schritt voraus.

Durch die weltweite Geltung von Regeln hat er das verwirklicht, was Hans Küng als Weltethos fordert. Die Gesetze des Weltsports gelten überall und für jeden. Doch auch wenn heute bei Olympischen Spielen alle Länder der Erde teilnehmen, so tun sie dies doch unter sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Chancengleichheit gibt es bei der Teilnahme, jedoch noch lange nicht bei der Möglichkeit zum Sieg.

Im Bereich des Mensch-Natur-Verhältnisses müssen wir uns der zunehmenden Umweltbelastung durch Sport stellen. Gerade die Organi­sation der Olympischen Spiele ist in diesem Zusammenhang eine enorme Herausforderung, der sich das IOC gerne stellt.

Doch auch im Breitensport müssen Konzepte des sinn- und verantwortungsgebundenen, fürsorglichen Umgangs mit der Natur so entwickelt werden, dass Glück und Lebensfreude zwar heute erfahrbar bleiben, gleichzeitig aber auch von künftigen Generationen erlebt werden können.

Viel zu lange folgte der Sport einem allein

auf den Menschen fixierten anthropozentrischen Weltbild. Es hob die besondere Stellung des Menschen gegenüber der Natur hervor und führte zu deren gedankenloser Ausbeutung und Zerstörung.

Unsere Sinne müssen heute an Sinn und Verantwortung gebunden werden. Sie dürfen nicht einem unkontrollierbaren Eigenlauf überlassen werden, der sich in einer bloßen Erfüllung des Augenblicks, in Spaß und Spiel, im Risiko, im Wagnis und im  Abenteuer erschöpft, sondern diese einer verantwortungsvollen Kontrolle unterzieht. Bloße Spannungsmaximierung und Lustbefriedigung im sportlichen Tun sowie das bloße Auskosten körperbezogener Erlebnisintensitäten, das „Just for fun“, mag ein Anspruch der Sinne sein, ein Sinnanspruch ist es gewiss nicht.

Im Bereich des Mensch-Gott-Verhältnisses schließlich scheinen unsere Möglichkeiten zur Intervention eher eingeschränkt zu sein. Gleichwohl wäre hier intensiver nach Berührungspunkten zwischen Sport und Glauben zu fragen. Wichtig erscheint vor allem die Erkenntnis, dass das Lebensganze auch mit seiner religiösen Dimension in den Sport hineinragt. Möglicherweise kann an den besonderen Erlebnissen angesetzt werden, die der Sport bereit hält.

Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang an Jesus´ Gleichnis von den Talenten erinnert. Es ist Ermutigung, Aufforderung und Verpflichtung. Denn offensichtlich erwartet Gott von uns, dass wir die von ihm verliehenen Gaben nicht nur dankbar hinnehmen, sondern dass wir sie entwickeln, fördern und vermehren. Jesus ruft uns zur Leistung auf. Und zwar zur Leistung mit Leib und Seele. Denn die faszinierende Vielfalt menschlicher Fähigkeiten ist auch ein Hinweis auf die Größe Gottes.

Im Sport wird dieser Teil der christlichen Botschaft ganz besonders gut begreifbar. Die Hinwendung vieler Menschen zum Sport, sei es als Sportler oder Zuschauer, die große öffentliche Aufmerksamkeit und die oft dramatische Zuspitzung des Geschehens, lassen uns den Sport wie einen durch ein Brennglas verstärkten Ausdruck menschlichen Lebens wahrnehmen.

Als solcher bedarf er jedoch auch in ganz besonderer Weise sinnvoller und sinnhafter Regeln und Formen durch ein aktiv gestaltetes Zusammenleben.Das IOC und mit ihm der DOSB und alle Mitgliedsverbände im olympischen und nicht-olympischen Sport setzen sich dafür nachdrücklich ein.

Exemplarisch möchte ich das Programm der Olympischen Solidarität anführen, das Athletinnen und Athleten aus Ländern der Dritten Welt Chancengleichheit im Wettkampf ermöglichen soll. Die damit angestrebte Chancengleichheit hat ihre Wurzeln in Solidarität und Nächstenliebe.

Im Sportstättenbau und der Gestaltung des Programms der Olympischen Spiele hat sich die Olympische Bewegung längst vom Gigantismus der frühen Jahre abgewandt. Umwelt und Naturschutz sind neben der Erziehung zu einer zentralen Säule der Olympischen Bewegung geworden und entfalten Wirkung weit über die Olympische Bewegung hinaus.

Wir sind deshalb sehr glücklich, dass wir zu Beginn des Jahres mit dem Preis „Champion of the Earth“ der Vereinten Nationen ausgezeichnet wurden.

Der Respekt vor der individuellen Leistung hat die Sportorganisationen veranlasst, den Schutz vor Missbrauch und Betrug zu verstärken. Die christliche Aufforderung zur Leistung beinhaltet auch die Verpflichtung zur gerechten Gestaltung des Leistungsumfeldes.

Zentrale Aufgabe ist es daher, regeltreue Athleten zu schützen, ihnen Vertrauen in Regelwerke und Regelauslegung zu geben. Dies gilt vom einfachen Foul bis zum vorsätzlichen Betrug bei der Vortäuschung eines Fouls oder Doping. Deshalb kann es an der Haltung des IOC und DOSB im Kampf gegen Doping keinen Zweifel geben. Unsere Richtschnur heißt „Null-Toleranz“ oder wie Papst Benedikt XVI. wahrscheinlich sagen würde: „Kein Relativismus“.

Der ethische Anspruch des Sports gebietet darüber hinaus faires Verhalten. Er geht weit über die Einhaltung geschriebener Regeln hinaus und fordert, den Sinn der Regeln zu leben, Menschlichkeit auch im Wettbewerb zu beweisen und den sportlichen Gegner als Partner anzuerkennen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Der Sport und allen voran die Olympische Bewegung wenden sich ganz entschieden gegen egozentrisch-hedonistische Haltungen wie sie der Philosoph Max Stirner formulierte: „So ist denn mein Verhältnis zur Welt dieses: Ich tue für sie nichts um Gottes willen, Ich tue nichts um der Menschen willen, sondern was ich tue, tue ich um Meinetwillen. Mein Verkehr mit der Welt besteht darin, dass ich sie zu meinem Selbstgenuss verbrauche“.

Ludwig Wittgenstein machte einmal folgende Eintragung in sein Tagebuch: „An Gott glauben heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat“. Nicht Haltungen, Gesinnungen oder Denkweisen seien dabei entscheidend, sondern entschlossenes Handeln. Wenn man an einen Gott glaubt, so kann man dieses Handeln auch im Sport ohne Schwierigkeiten mit Sinn erfüllen. Die Flüchtigkeit des sportlichen Erfolgs lehrt Respekt vor dem sportlichen Gegner, der morgen schon der Sieger sein kann. Der Wert des Erfolgs, liegt nicht in sich. Entscheidend ist vielmehr, wie wir mit den Früchten des Erfolgs umgehen.

Diese Botschaft gilt für alle unsere Lebensbereiche, für Beruf, Ehrenamt, Gesellschaft genauso wie für den Sport und sie gilt gewiss auch für den Preisträger des DJK-Ethik-Preises, dem ich an dieser Stelle sehr herzlich gratuliere und weiterhin Glück und Erfolg wünsche.

(Es gilt das gesprochene Wort!)